Mon cher clochard

Von Dr. Herbert Malecki (1953)

Verlegen rücktest Du an der Mütze und brummtest etwas in die verwitterten Aufschläge Deiner ehren­wert verschimmelten Jackettreste, als Deine alten, weinselig schimmernden Augen plötzlich zwischen den erhobenen gußeisern erstarrten Armen dreier abgeblätterter Brunnerrgrazien auf einen blonden Haarschopf und neugierig-junge, feuchte Mädchenaugen trafen. Dünn fiel der Wasserstrahl aus altersschwacher Röhre in das kleine, rostbraun schimmernde Becken. Drüben huschten späte Wagen lautlos am Seineufer entlang, und vor der matt spiegelnden Schwärze des Asphalts bauschte sich der leuchtend grüne Rock des Mädchens in einem jener lautlos sich erhebenden Windstöße der Vorsommernächte, die noch alle Wärme des Tages mit sich tragen und den nächtlichen Raum in Bewegung zu versetzen scheinen, damit die in den Häusern wartende Kühle die träge Hitze der Straße verdrängen kann. Fast gleichzeitig, trafen sich die zur Schale erhobenen jungen Mädchenhände und Deine zerbeulte Konservenbüchse in dem engen Raum, den die gußeisernen Schönen zwischen ihren unnachgiebig gereckten Leibern aussparen, damit das Wasser für die dünne Gleichmäßigkeit seines Falles Platz finde.

Du wolltest die in Deinen dreckigen, altersknolligen Fingern zitternde Büchse unter den Strahl des Wassers halten, bis sie voll sei, damit man in ihr eine Suppe kochen könne unter dem breiten Landstreicherdach des mächtigen Brückensclwungs, unter den Du gleich zurückkehren wolltest, und Du sprachst davon, lallend und kaum verständlich. Aber als Du die armselig zerbeulte Konservendose zwischen den unbequemen und so eng sich gegenüberstehenden Leibern der Brunneneisernen hindurchzwängen wolltest, stieß sie gegen die holde Schale weicher Mädchenhände, die sich auf der anderen Seite des Brunnens dem Wasser entgegenhob, und Dein weinverträntes Auge sah in ein lange vergessenes Gegenüber junger. nachtdunkel-erfüllter Mädchenaugen. Diesseits und jenseits des Schattens, den die starren Figuren über das lächerlich kleine Beckenrund warfen, sahen sich zweier Menschen Leben in die Augen. Diesseits und jenseits des Schattens lagen zwei Blicke. Und plötzlich zogst Du, schnell und heftig scheppernd, die Stille der Nacht für eine Sekunde unterbrechend, Dein Suppengefäß aus der harten Enge von Beinen und Leibern heraus und sagtest laut und vernehmbar: "Nach ihnen, Madame!"

In der Sonnenwärme vertretenen Asphalts saßest Du am späten Nachmittag in der rue Mouffetard. Wehrhaft zog sich ein Kranz riesiger Stoppeln um Deine Backen. Du hattest die Knie angezogen. auf denen Du eine große Bierflasche hieltest, und wir störten Dich unachtsam in Deiner Unterhaltung mit dem Kollegen, der neben Dir lag und schon die Zeitung auseinander faltete, um sich unter ihr zum wohlverdienten Schlaf zurückzuziehen.

Aber Du bliebst freundlich, als ich Dich ansprach. Wir steckten uns eine Zigarette an, denn beim Rauchen läßt es sich besser philosophieren. Und Du bekanntest, ehrlich genug, Philosoph zu sein. Und hobst hin und wieder Deine Flasche, und mit Ehrfurcht sah ich Deine Philosophie gewaltig in Dich hineinrinnen und lauschte Deinen aufstoßenden Bonmots. Du fragtest nur beiläufig, denn der wahre Philosoph stößt sich nicht an Grenzen, nach meiner Nationalität. Du warst freundlich, und ich scheute mich nicht, zu bekennen. ich sei Deutscher. Du warst wirklich freundlich. Verhalten hobst Du Deine Flasche der Weisheit, blicktest tief bis auf den Grund Deiner Philosophie und antwortetest heiter: "Das macht nichts."

Als ich an der Plakatsäule stand und mit parismatten Augen die lange Reihe der Konzerte und excellenten Aufführungen musterte, standest Du neben mir. Du bliebst nicht nur höflich und zurückhaltend. Nein, Deine Augen, folgten meinen, und Du lasest mit mir alle Konzertankündigungen in würdevollem Ernst. Wie hätte ich Dir nicht, bei so enger Kulturverbundenheit, nach unserem gemeinsamen Studium 50 francs überreichen sollen!

Am nächsten Tag grüßtest Du mich voller Einverständnis und strecktest Deine Hand nicht aus. Wir waren beide trés gentil. Mon cher clochard, Du bist kein Engel, weiß Gott nicht, Du bist ein dreckiges Bündel ehemaliger Kleidung, aus denen die Gerüche Deines zurückgesunkenen Lebens aufsteigen und einen kleinen Schatten in die Bläue des Pariser Himmels schreiben. Deine Nase ist verquollen und Dein Auge trunken. Du schläfst unter den Seine-Brücken und neben den Pfützen auf dem Asphalt des Bürgersteigs, wie sie noch ein Weilchen nach einem Regen stehenbleiben. Aber es stimmt, auch in den Pfützen spiegelt sich der Himmel, mein Kamerad von der anderen Seite des Lebens.

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