Erlebtes Granada

Von Walter Hombitzer (1954)

Granada, agua occulta que llora - Granada, verborgenes Wasser, das weint (Manuel Machado). Auf umgrünter Höhe erhebt sich das Kalifenschloß, die Alhambra, d. H. die Rote. Die letzte und schönste Hochburg des Islam und der Mauren in Spanien ist über dem winkeligen Granada selber eine ganze Stadt mit Toren und Türmen, Festungen und Palästen, Sälen und Galerien, Gängen und Gärten, Wasserkünsten und Höfen. Nach außen abweisend und trutzig, gleicht ihr Inneres einem Traum aus Tausend und einer Nacht. Hier hat das ungeschichtliche Weltbild des Islam sich in seinem vielleicht bedeutendsten Profanbau offenbart. Die Erfahrung der Wirklichkeit als eines großen Rhythmus, ohne Anfang und Ende aus Allahs Willen, dem Kismet, fließend, hatte sich in den anfang- und endlosen Verschlingungen des Ornaments einen Leib geschaffen. Hier ist diese Ornamentik auf dem Höhepunkt. Sie überspinnt, alle Struktur verwischend, als filigranartig feiner (mit Eisenschablonen geformter) Stuck in mildtemperierten Farben die Wände, als Fayence-Mosaik in leuchtenden Farben die Sockel, nimmt gleich  wie schaumgeborenes Stalaktitengewölbe aus Stuck besonders im Schwestern- und Abencerragensaal dem Menschen jedes Gefühl der Schwere, aber auch der Dauer. Die äußert zierlichen Marmorsäulen tragen weder technisch noch optisch. Sie sind mit ihren eleganten Rundbögen ohne tragende Funktion in einen mit Gipsornament verkleideten selbsttragenden Rahmen hineingestellt, oder die Lastmasse ist im Stuckdurchbruch zu einem Minimum reduziert. Unserem Auge erscheinen die Säulen wie anmutige geschmeidige Tänzerinnen. Zitternd spiegeln sie sich samt den schwingenden Bögen im Wasserbecken des Myrthenhofes. So antwortet der gebauten Architektur eine der Fata Morgana, und beide sind gleich wirklich und unwirklich, sind Traum. Unaufhörlich rieselt und wispert im Löwenhof das Wasser. Aus dem Hauptzapfen des Brunnens steigt es vielstrählig an und senkt sich in edlen flachen Bögen in die zwölfseitige Schale, die auf den Rücken von zwölf Marmorlöwen ruht, aus deren Mäulern es in steilen Halbbögen herabfällt und verrinnt. Das flüchtig-gestaltlose Wasser wächst so momenthaft zur Form auf, um dann wieder ins Gestaltlose zu versinken. Aber der Tropfen, der soeben Form wurde und nun schon versinkt, wird abgelöst von einem andern, der gleichfalls für einen Augenblick Form wird und dann auch versinkt. Und diesen löst ab ein weiterer, und so geht es fort und fort. Ein Urphänomen der Welt ist hier gleichnishaft zu erschauen  Dauer im Wechsel und Wechsel als Dauer, Vergänglichkeit und ewige Wiederkehr. Es ist auch das Weltbild des Islam. Ein Tröpfchen des Meeres, ein Sandkörnchen der Wüste ist der Mensch. Sein Leben strahlt momenthaft auf und versinkt. Millionen und Abermillionen folgen nach, aber es bleibt alles gleich, nichts ändert sich. So ist im Grunde alle Aktivität ein Schlag ins Wasser, es gibt keine Entwicklung, sondern nur einen großen, immer gleichen Rhythmus. Das Ornament ist sein Abbild, der Tanz seine Verkörperung, der Tanz dieser Säulchen, die wie Tänzerinnen sind und mehr noch der Tanz der Tänzerinnen selbst, der Sklavinnen, die hier einst den König und die Vornehmen ergötzten. Für solche Weltsicht gab es nur zwei Lösungen: mystisches Sichversenken in die Gottheit oder ganz sinnlich-pflanzenhaftes Genießen des Augenblicks. Beidem gibt dieser Wunderbau Ausdruck und Raum, zu beidem Anregung, und beidem waren auch die Menschen, die hier lebten, spannungsvoll zugeordnet, ja verfallen. Beides sind noch heute die elementaren Züge des andalusischen Menschen  Sinnlichkeit und Mystik. Aber beide erhoben und erheben sich auf dem Grunde einer allumfassenden schmerzlich-süßen melancholischen Lethargie. Sie geht auch hier in uns ein, dringt durch alle Poren in uns ein. Dieser Bau macht uns passiv, wir spüren alle Maximen des Europäers in uns versinken. Fast rettet man sich in den wunderbaren kreisrunden Säulenhof, den Karl V. Als Kern seiner Palasterweiterung des Alhambra anfügte, manch Maurisches zerstörend. Hier ist kein Zerrinnen und Vergleiten mehr, diese Architektur konzentriert uns, sie "versammelt uns" wie ein Reiter sein Pferd, zur Tat anspornend, "versammelt". Wir waren im Orient und fühlen uns dem Okzident wiedergegeben, islamische und christliche Welt umfing uns in edelsten Meisterwerken unmittelbar nacheinander, ja mehr noch  nebeneinander. Wo gäbe es das sonst als in diesem unvergleichlichen Land?

Ein tiefgrüner Ulmenhain umschattet die Alhambrabauten. Blaue Lilien durchblühen ihn. Durch eine schmale, aber tiefe Talkerbe getrennt, liegt 50 m höher inmitten herrlicher Gärten der Generallife, das Sommerschlößchen der maurischen König, Myrthenhecken, Lorbeer, Reseden, samtner Jasmin, Orangen- und Zitronenbäume verschwenden betäubenden Duft. Schlanke Zypressen und Eibenbäume wiegen sich sanft, und silberne Wasserspiele verströmen angenehme Kühle. Unvergeßlich, hier den Einbruch des Abends zu erleben. Über die violetten Vorberge und silbrigen Olivenhaine schweift das Auge zu den bei Sonnenneige erglühenden Schneegipfeln der Sierra Neveda, und die Nachtigallen singen. Noch ein anderer Blick bleibt lebenslänglich unvergeßlich. Nördlich von der Alhambra, ihr genau gegenüber, durch die tiefe Schlucht des Darro von ihr getrennt, erhebt sich der Albaicinhügel. Enge, dicht bebaute Gassen, hinter denen sich aber immer wieder blütenschwere Gärten öffnen, zeihen sich den Hang hinauf. Ein turbulentes Leben erfüllt sie, man glaubt im Orient zu sein. Hierhin zog sich die maurische Bevölkerung nach dem Sieg der Christen zurück, und in den oft auffallend schönen Menschen, in ihrer Art zu bauen und zu leben, ist das Maurische lebendig bis heute. Auf dem Platz vor der Nikolauskirche muß man gestanden haben. Hier muß man erlebt haben, wie beim letzten Licht der Sonne die Alhambra erst rubinrot, dann purpurn schimmert. Der Albaicinhügel geht nach Osten in den Sacromonte über, der genau dem Generalife gegenüberliegt. Von seinen vielen Höhlen hat Granada seinen Namen. Wenn auch das Symbol der Stadt ein geöffneter Granatapfel ist, so stammt "Granada" doch von "garnathah" = Berghöhle. Vielleicht dienten sie den frühen Christen als Zuflucht und Grabstätte. Jedenfalls hielt man 1594, als man dort nach den Schätzen der Maurenkönige suchte und zahlreiche Gebeine fand, diese für die Überreste des Stadtpatrons San Cecilio und seiner Begleiter, die im ersten Jahrhundert gemartert sein sollen. So weihte man man den Berg zum Heiligen Berg und errichtete auf ihm ein Kloster. Von oben bietet sich ein überwältigender Blick über die Landschaft, die vielleicht die köstlichste der ganzen iberischen Halbinsel ist in ihrer Verbindung von Hochgebirgsschroffheit, lichtgrün sich weitender Vega, winkelig-malerischer Altstadt und traumhaft-maurischer Herrlichkeit. In dem grüngrauen Stachelpanzer des Berges aus Aloe und Kaktus liegen die weißgetünchten Eingänge zu den Höhlenwohnungen, in denen seit dem 16. Jahrhundert Zigeuner leben.

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