Die Flucht nach Europa

Von Friedrich Sieburg (1957)

Jeder von uns kennt die äußeren Umrisse der Bundesrepublik - aber wer erschräke nicht aufs neue, wenn er sie betrachtet: Wie, dies seltsam gereckte Gebilde, das schlampig um eine verbogene Nordsüdachse gruppiert ist, soll alles sein, was uns von Deutschland geblieben ist? Wir glauben vielleicht, daß Frankfurt im Westen unseres Gebietes läge, aber es ist der östlichen Bundesgrenze näher als der westlichen. Man muß nur genau hinblicken. Kassel und Fulda sind beinahe schon östliche Grenzstädte, von Lübeck ganz zu schweigen, das sich grade noch an den Rand zu klammern scheint. Wir haben uns daran gewöhnt, von Mitteldeutschland als einem Teil der "Ostzone" zu sprechen, und wenn es uns um ruhigen Schlaf zu tun ist, drängen wir den Jammer, der sich aus der geographischen Anschauung ergibt, aus unserer Vorstellung.

Aber es gelingt nicht immer; nur zu oft gewahrt man, daß es nicht genügt, das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, man muß sich auch selbst am rechten Platz befinden. Das Deutschland, in dem wir leben, ist an die Peripherie geraten. Einst lag unser Land im Mittelpunkt einer europäischen Welt, nach allen Seiten offen, und wer von Norden nach Süden oder von Osten nach Westen wollte, der kam bei uns zu Besuch und war willkommen. Inzwischen sind wir bedenklich an den Rand des Abendlandes verschoben, und uns ist manchmal so schwindlig zumute, als wandelten wir auf steilem Grat dahin. Der Osten rückt uns gleichsam auf den Leib, und da, wo die Sonne aufsteigt, geht es plötz­lich nicht mehr weiter. So blicken wir denn in den Sonnenuntergang. Das ist politisch zweifellos die gute Richtung, und wenn uns trotzdem nicht wohl dabei ist, so dürfen wir daraus folgern, daß der Mensch in Harmonie mit dem Umriß seines Landes leben muss, wenn er im Einklang mit sich selbst sein will. Kein Deutscher vermag es, die innere Stimme, die ihm von der Form oder Unform seines Landes spricht, je zum Schweigen zu bringen. Selbst wenn es keine Flüchtlinge gäbe, deren Anwesenheit uns diese Zusammenhänge täglich lebendig vor Augen führt, gelänge es uns nicht, in einer festen und einheitlichen Vorstellung von Deutschland zu leben.

Das Unfertige, ja Verstümmelte, das von jeher zum Schicksal unserer Nation gehörte, droht eine Art von Endgültigkeit anzunehmen. Schlimm ist es, daß viele unter uns sich mit dieser Lage abzufinden beginnen. Noch schlimmer ist es, daß wir ihnen nicht sagen können, was sie an die Stelle der Resignation setzen sollen. Kein menschliches Wesen, aber auch kein Volk kann ewig im Schwebezustand verharren. Nur die Bildung eines echten Europas, so heißt es, kann dieses Provisorium in eine höhere Form der Dauer überführen. Wenn irgendein Volk gezwungen ist, europäisch zu fühlen und in Europa mehr als einen schönen Traum zu sehen, so sind wir es. Aber wie weit wird dies Europa reichen, dies Europa, das nicht einmal in den Kerngebieten des Abendlandes auf guten Willen stößt? Nun sind wir ja keineswegs die erste und einzige Nation, die ureigene Gebiete verloren und sie jahrzehntelang unter fremder Herrschaft gesehen hat. Im Gegenteil, das 19. Jahrhundert war voll von Bewegungen und Konflikten, die sich immer wieder an abgetrennten Gebieten entzündeten und nie zur Ruhe kamen. Vielleicht kann man sogar sagen, daß dies leidenschaftliche Fühlen in Gebietsvorstellungen, wie es den alten Nationalstaaten zugrunde lag, den vergangenen Geschlechtern ihr eigentliches nationales Pathos gegeben hat. Die wahre Seele der französischen Republik entfaltete sich während einiger Menschenalter in der Trauer um Elsaß-Lothringen. Die Empfindungskraft von Generationen war auf diese Gebiete gerichtet, die Wachhaltung des Verlustes bildete einen so unablösbaren Teil des öffentlichen Lebens, daß das Arrangierte vom Elementaren schließlich nicht mehr zu unterscheiden war. Frankreich durfte unablässig den Ruf nach Rache erheben, ohne auf die Welt als Störenfried zu wirken. Mehr noch, die Klage um das Verlorene und der Schwur, es mit allen Mitteln wieder zu erlangen, kam dem Prestige der französischen Außenpolitik zugute, deren Unruhe, Gereiztheit und Übelnehmerei von der Welt geduldig hingenommen wurde. Die Fälligkeit dieses Landes, auf seine Wunden zu zeigen, verschaffte ihm Freunde und Bundesgenossen. Die Liebe zu den verlorenen Provinzen, wie hemmungslos sie auch drapiert. und in Szene gesetzt würde, verlieh Frankreich jene politische Mystik, mit deren Hilfe es die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens zu einer Angelegenheit der ganzen Welt zu machen verstand. Stärker als der angebliche oder echte Rechtsanspruch war das Evangelium der Verbundenheit. Aber es war eine Verbundenheit, die sich nicht damit begnügte, beweisbar zu sein, Sondern geglaubt wurde, weil sie sinnlich sichtbar war.

Wenn heute jemand die Frage aufwirft, ob wir das Land östlich der Oder-Neiße-Linie ebenso lieben, wie Frankreich das Elsaß zu lieben erklärte, so wird ihm wahrscheinlich erwidert, daß dieser Vergleich das Motiv kriegerischer Rache, wenigstens indirekt, anklingen lasse und auch sonst nicht mehr in eine Gegenwart passe, die im Begriff sei, sich der nationalstaatlichen Vorstellungen zu entledigen. Nun niemand wird Lust haben, der Bundesreplik auch nur die bescheidensten Revanchegelüste vorzuwerfen. Ebensowenig wird man uns ausreden können, daß die Auflösung der Vaterländer zugunsten Europas unsere einzige Hoffnung bildet. Aber wie muß dies Europa aussehen, damit es unseren Schmerz über den Verlust so viel deut- sehen Bodens stillen kann? Und wie, wenn dieser Schmerz verstummte, wenn er am Ende gar nicht genügend Kraft gehabt hätte, um die inneren Beziehungen zum Verlorenen zu sichern? Gemach, hier soll keine nachträgliche Erhitzung nationalistischer Art gepredigt. werden. Aber es ist des Nachdenkens wert, ob wir in Deutschland überhaupt je eine Mystik des Territoriums" gekannt haben. Fragen wir uns doch gewissenhaft, ob unsere Verbundenheit mit dem Elsaß das ja einmal deutsches Land war, je eine Form gehabt hat, die über die staatlich-politischen Begriffe hinausging. Länger als vierzig Jahre hat dieses herrliche Land in der Ära unserer Väter zum Reich gehört, ohne daß wir ihm Liebe einzuflößen verstanden, ohne daß seine Seele von uns auch nur im geringsten gepflegt wurde. Es kam als Stiefkind in unser Haus und verließ es mit Freuden.

Man kann einwenden, daß die Elsässer der größeren Anziehungskraft der französischen Zivilisation nicht zu widerstehen geneigt waren. Immerhin bleibt es ein seltsam erkältender Umstand, wie wenig Narben dies Kommen und Gehen in unseren Herzen zurückgelassen hat, Offenbar ist unser Verhältnis zum Territorium stärker durch bloße Heimatvorstellungen bestimmt als das anderer Völker, deren politische Einheit älter ist. Je zentralistischer ein Land sich selbst sieht und empfindet, um so intensiver wird der Verlust eines Gebietsteiles zur Sache des ganzen Volkes. Das Wort "Heimat" ist von unerschöpflicher Schönheit, aber es ist politisch nicht ohne Gefahr. Wir sagen heute gern, daß die Schlesier ihre Heimat verloren haben. Es ist aber so, daß wir Deutschen Schlesien verloren haben. O nein, das ist durchaus nicht dasselbe. Denn die Heimat bleibt, soweit sie eine verbindende Kraft ist, auf die Menschen beschränkt, die ihren Raum bewohnen. Der Schlag, der die Heimat trifft, kann wohl nachbarliches Mitgefühl erregen, aber er kann politische Wirkungen erst dann haben, wenn er vom Ganzen empfunden wird, und zwar nicht in seinen wirtschaftlichen Auswirkungen, sondern in den Lebensvorstellungen der Nation.

Damit soll nicht der geringste Zweifel an der Echtheit unseres Schmerzes über den Verlust deutschen Bodens ausgedrückt werden. Hier steht lediglich die politische Durchschlagskraft dieses Schmerzes in Frage. Was glaubt die Welt diesem Gefühl zumuten zu können? Anders ausgedrückt: inwieweit werden unsere Gebietsverluste vom Gewissen der Welt als eine Verletzung der Moral empfunden - etwa so, wie Frankreich sein Verhältnis zum Elsaß als moralischen Faktor in die internationale Politik einzuführen verstand? Ein Schriftsteller wie Barrès hat seinem Lande dabei mehr gehoffen als mancher französische Außenminister, einfach, weil er "das Territorium" mit der Kraft seines Wortes heilig zu sprechen verstand. So wurde die Annektion zum Sakrileg, zu dessen Sühnung, die halbe Welt aufgerufen wurde. Es hat sich dabei gezeigt, daß die Erregung dieser "Gebietsmystik" im wesentlichen eine Sache der Intellektuellen ist und in der Hauptstadt gepflegt wird, also mit "Blut und Boden" nicht das geringste zu tun hat. Sie hat Frankreich ungeheuer genützt, sie hat freilich auch einen Geisteszustand geschaffen, der heute zum größten Hindernis bei der Ausbreitung des europäischen Denkens geworden ist.

Die Annektionen und Verstümmelungen, die uns im Laufe der letzten Jahrzehnte widerfahren sind, haben also nie die Phantasie oder gar das Gewissen der übrigen Welt in Bewegung gesetzt, weil wir nicht über ein so eindrucksvolles und - von einem zentralen Punkt aus - gefühlsbetontes Verhältnis zum Territorium verfügen, wie manche anderen Völker. Unsere Literatur hat sich von dieser Problematik ferngehalten und sie den Heimatschriftstellern überlassen. Ein fruchtbarer Ausgleich zwischen Nationalismus und Provinzialismus wurde nie erreicht. Heute stehen wir mit leeren Händen vor lauter Reichstrümmern und spüren mit Erschrecken, wie schnell die lebendige Vorstellung von dem Lande östlich von Oder und Neiße in uns verblaßt. Allerdings, keines Menschen Herz oder Hirn hat die Kraft, alles das zu bedenken, was heute ein Deutscher bedenken muß: der Osten unseres Landes polnisch, die Mitte, Weimar, Leipzig, Magdeburg, in den Händen der russischen Besatzungsmacht und ihrer deutschen Helfershelfer, zwei Drittel der deutschen Ostseeküste uns so entrückt wie das fernste Land, acht Jahrhunderte deutscher Zivilisation zunichte gemacht - das alles müssen und sollen wir hinnehmen, weil eben nur ein Wunder es ändern könnte. Welche moderne Nation jemals einen furchtbareren Umwandlungsprozeß durchmachen müssen! Und doch überlebt der einzelne diese Veränderungen, er überlebt sie um den Preis des freiwilligen Erblindens, er verzichtet auf Geographie und sieht nur noch das bißchen Raum, dessen der Mensch bedarf, um sein Leben zu fristen. Es ist seltsam, zu denken, daß uns aus dieser qualvollen Verwirrung nur ein Weg offen steht: die Flucht nach Europa. Was einst humanistische Schwärmerei und nobler Traum weltoffener Geister war, wird für uns zur nackten Notwendigkeit: Europäer werden oder untergehen. Der Boden, auf dem wir wandeln, bewegt sich, aus der qualvollen Gegenwart rettet uns nur ein Sprung in die Zukunft.

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