Biarritz ist nur Silber

Von Kasimir Edschmid (1959)

Im Jahre 1838, als es mit den Karlisten zu Ende ging, genossen zahlreiche aristokratische Karlisten nicht mehr den ihnen liebgewordenen Vorzug, den Sommer am Badestrand von San Sebastian verbringen zu können, da man sie dort vielleicht an die Wand gestellt hätte. Sie begaben sich daher aus Protest ein Stück weiter die Silberküste hinauf, wo ein armseliges Fischerdorf, Biarritz, lag.

Unter den Exulanten befand sich die jugendliche Engénie de Montijo. Sie wurde, was sie in ihren kühsten Träumen nicht geahnt hatte, später die Gattin eines Mannes, der damals, als sie Biarritz zum ersten Male besuchte, noch ein korrupter Abenteurer war, aber dann als Napoleon der Dritte den französischen Thron bestieg. Treu, wie Fürsten in manchen Dingen sind, auf die es wenig zum Heile der Menschheit ankommt, ging Eugénie als Kaiserin wieder nach Biarritz, genau wie Isabella auf der spanischen Seite San Sebastian besuchte. So entstanden zwei Damenresidenzen am Meer - mit all dem Gepränge, das auf der einen Seite uralte Etikette, auf der anderen die Geltungssucht einer neu arrivierten Dynastie verlangten.

So wurde Biarritz, besonders als die Bahn von Bayonne nach der spanischen Grenze gebaut war, ein Mittelpunkt Europas. Bismarck besuchte, elf Jahre nachdem Eugénie zum ersten Male als Herrscherin Barrirz geehrt hatte, das kaiserliche Paar an der Silberküste und spielte die ersten Züge jenes Spiels, durch das Engéie de Montijo ihre Krone verlor. Damals, als sie den großen gefürchteten Diplomaten Preußens empfing, ahnte sie auch nicht, daß sie eines Tages diese Küste, beschützt und geleitet um ihrem amerikanischen Zahnarzt, als Flüchtling verlassen werde.

Zunächst war das Leben, das Engénie in Biarritz nach ihrem Belieben sich entfalten ließ, verhältnismäßig bescheiden. Man war, wie man es von San Sebastian her gewohnt war, auf den alten Hafen eingestellt, zu dem man hinabsteigen mußte, aber man hatte immerhin, trotz der hohen Felswände, an den Seiten das Gefühl von Glanz und Weite und spürte den Wechsel von Ebbe und Flut. Die Vergnügungen waren kindlich. Die Damen liefen mit übers Knie geschürzten Röcken zwischen den Felsen umher, Schmetterlingsnetze in der Hand, um Krabben zu fangen. Zum Baden gingen die Damen des Hofstaats mit Hüten auf dem Kopf und in dünnen Kleidern ins Wasser. Man tauchte ein, aber man schwamm nicht. Hingegen war das Zeremoniell außerhalb des Meeres großstädtisch. Als man sich - Karlisten hin, Karlisten her - mit Spanien versöhnt hatte, kam auch Isabella zum Besuch nach Biarritz, um die Kaiserin zu sehen, die einst vor Isabella geflohen war. Und Eugénie, die spanische Emigrantin, ließ sie durch eine Kompanie Soldaten abholen, die vor dem zehnspännig gefahrenen Wagen Isabellas her marschierte - und durch eine weitere Kumpanie, die dem Wagen folgte. Eugénie war romantisch und ließ die königliche Schwester sogar nachts mit Fackeln im Boot durch die roche percée fahren. Das baskische Fischerdorf hatte viel zu staunen. Doch war es mittlerweile kein Dorf mehr. Es hatte sich prächtig entwickelt. Der Kaiserin genügte der alte eingeengte Hafen nicht mehr. Sie baute sich ihre Villa Eugénie an die Grande Plage. Sie eroberte damit den vielleicht schönsten Sandstrand Europas, einen Strand, wie ihn die Adria und das Mittelmeer damals nicht kannten, einen Strand von tiefer, heller Sandigkeit, einen Strand von verschwenderischer, großartiger Breite und Fülle. Dieser Teil der Küste hieß damals Côte des Fous.

Er ist das Gegenteil von San Sebastian. Alles. was weit. was hell, was wild und zugleich wieder sanft ist, baut sich hier zu einem bezaubernden Schauspiel des Meeres auf. Biarritz ist ein San Se­bastian ohne Panzer, ohne Wälle, es hat den silbernen Glanz von Cadiz, die träumerische Anmut von Algeciras und die tiefe, selige Dämmerung von Gold und Blau, wie sie über Malaga schwebt. Biarritz besitzt das Meer, es schließt das Meer nicht aus, es gibt sich ihm hin. Wenn die Spanier mit Hilfe des genialsten Architekten, der Natur selbst, den Atlantik vor San Sebastian außerhalb der Concha verwiesen haben, so scheinen die Franzosen, vierzig Kilometer weiter, dasselbe Meer mit allen Lockungen gerufen zu haben, mit aller Heftigkeit und aller Leidenschaft, deren das französische Temperament fähig ist. Doch hat auch Biarritz seine Gegensätze. Die Normandie scheint sich hier mit Nizza vereinigt zu haben. Auch an dieser Stelle der Küste stößt ein Vorgebirge, das Atalayische, in den Ozean vor und bildet den alten Hafen, eine tief im Felsen liegende Bucht, und den mit mittelalterlichen Mauerarbeiten ausgerüsteten und mit Inseln abgeschlossenen Port des Pêcheurs - man hätte die Bucht leicht zu einem zweiten San Sebastian umformen können. Aber die Kaiserin mit ihrem empfänglichen und beweglichen Gemüt sah die Größe der sich rechts von dem Vorgebirge ausbreitenden Grande Plage, wo ungehemmt die Silberküste den Anlauf des freien Meeres empfängt, dessen Brandung in Hunderten um Staffeln wunderbar abgestuft heranbraust. Sie sah auch links von dem Atalayischen Vorgebirge und dem alten Hafen sich weithin die Côte des Basques ausdehnen, wo das Meer die barbarischsten seiner Melodien gegen die hohe Küste wirft.

Sie verliebten sich in die Sandschönheit der Grande Plage und die bizarren Felsriffe, die da und dort mit lichter Phantastik vor der Küste liegen. Welch ein Meer, das voll erhabenem Donner und gleichzeitig von der Spiellust eines Kindes ist! Der Ozean hat die vor die Küste geschleuderten Felsblöcke in toller Laune umgestaltet. Die Wellen haben sich Durchgänge gebohrt und die Riffe in jahrhundertelanger Arbeit zu Figuren von Menschen und Tieren, von Bestien und Dämonen zurechtgeformt. Diese dunklen Bildwerke des Ozeans schaffen mit dem schaumig weißen Meer eine Atmosphäre, die schwärmerisch, aber nicht ohne Bedrohung ist. Es ist ein viele Rätsel auf einfache Weise lösendes Erlebnis, zu sehen, wie der Spanier ihren Stolz, San Sebastian, verfinstert haben, obwohl sie es zu einem Vorwerk nationaler Einigkeit hätten machen können - und wie die Franzosen ihr Biarritz, welches auch auf der einen Seite seiner Küste eine überaus herbe Natur besitzt, immer heller und weiter gebildet haben. Biarritz ist nur Silber.

Das seltsamste Geheimnis des Meeres, über dem auch in der Dämmerung eine heiße, platinfarbene Wolke hängt, ist sein Geruch. Es ist etwas darin von dem Duft, den das königliche Tier dieses Ozeans der geöffnete Hummer, hat. Das Meer trägt den Geruch vor sich her, wild und berauschend, wie die Winde ihn mit sich führen, die aus den Urwaldmangroven Ostafrikas auf die offene Reede des Pazifiks hinauswehen. Unvergeßlich. Die Küste, weit über San Sebastian und Biarritz hinaus, hat viele kleine Buchten, von denen die von Saint-Jean-de-Luz die anmutigste ist. Das Meer hat im Laufe der Jahrhunderte hier in manchmal Anfälle von Grausamkeit gehabt, weshalb der Strand Eisenküste heißt. Sowohl Saint-Jean-de-Luz wie Biarritz, wie Guéthary, wie Hendaye haben tiefen Sand. Das Hinterland ist eine kleine liebliche Schweiz mit violetten Hügeln und baskischen Villen...

Zurück zu unserer Auslese

Kontakt

Sie haben Fragen zu unseren Studienreisen oder zur Online-Buchung?

+49 (0) 431 5446-0

Unser Service-Center ist Mo - Fr von 08:00 bis 20:00 Uhr und Sa von 09:00 bis 13:00 Uhr für Sie da!

oder schreiben Sie uns:


Merkliste

Ihre Merkliste ist leer.

Merkliste wird geladen

Studienreisen

    Hotels

      Verlängerungen